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Stand: 20.03.2017

Meeresschutzgebiete in Deutschland

Deutschland ist in Europa bei der Ausweisung von Meeresschutzgebieten hinsichtlich der prozentualen Bedeckung der nationalen Gewässer durch Schutzgebiete führend. Jedoch werden diese Gebieten immer noch vielfältig genutzt und damit Meerestiere und deren Lebensräume geschädigt.

Schweinswal © naturepl.com / Florian Graner / WWF
Schweinswal © naturepl.com / Florian Graner / WWF

Etwa 70 Prozent der Küstengewässer im Zuständigkeitsbereich der Küstenbundesländer sind bereits formal geschützt. In der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ, die Meeresfläche jenseits des Küstenmeeres bis zur 200 Seemeilen-Grenze), für die die Bundesregierung zuständig ist, beträgt der Anteil rund 30 Prozent. Fasst man Küstenmeer und AWZ zusammen, sind insgesamt etwa 45 Prozent der deutschen Meeresfläche als Schutzgebiete ausgewiesen. Diese Flächen sind somit gesetzlich geschützte Gebiete, in denen ein angemessener Schutz von Tieren wie Schweinswalen und Vögeln, von Lebensräumen wie mit Wasser bedeckte Sandbänke und Riffe mit ihren Lebensgemeinschaften und Naturprozessen vor Beeinträchtigungen durch gefährdende Nutzungen und Eingriffen zu gewährleisten ist. 

Immer noch kein guter Zustand von Nord- und Ostsee

Den Arten und Lebensräumen im Meer geht es trotz der Einrichtung dieser Schutzgebiete bisher nicht besser. Vielmehr ist von der Bundesregierung sowohl für Nord- als auch Ostsee in einer Anfangsbewertung festgestellt worden, dass in den deutschen Meeresgebieten der so genannte „gute Umweltzustand“ nicht erreicht wird. Auch um den so genannten „günstigen Erhaltungszustand“ von nach EU-Vogelschutzrichtlinie und EU-Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie geschützten Arten und Lebensräumen ist es schlecht bestellt:

 

  • Einst charakteristische Meeresentenarten in der Ostsee (Eiderente, Eisente) sind in ihrem Bestand seit 1995 um über 60 Prozent zurückgegangen.
  • Der östliche Ostseeschweinswal ist seit Jahren auf dem Tiefststand, Wissenschaftler gehen nur noch von ca. 300 bis 400 Tieren aus. Insbesondere durch den Einsatz von Stellnetzen ist der Bestand westlich Rügens akut bedroht.
  • Wertvolle Unterwasserlebensräume wie Riffe und Sandbänke und ihre Lebensgemeinschaften werden, vor allem in der Nordsee, bis zu viermal jährlich von Bodenschleppnetzen durchpflügt.
  • Sand- und Kiesabbau ist in den Schutzgebieten stellenweise zugelassen, sogar Aufsuchungsgenehmigungen für Öl und Gas werden weiterhin erteilt.
  • Die Fischerei unterliegt fast keinen Naturschutzregelungen und hat weiterhin starke Auswirkungen auf den Meeresboden, die dort lebenden Arten sowie auf Schweinswale und Seevögel.

Wo Meeresschutz drauf steht, muss auch Meeresschutz drin sein

Trotz der Verpflichtung durch die EU, bis Ende 2013 in den Natura 2000-Gebieten Schutzmaßnahmen für die Schutzgüter einzuführen, sind für die Meeresschutzgebiete (insbesondere die marinen Natura 2000-Gebiete in der AWZ) bisher kaum oder keine Managementpläne verabschiedet worden, die die unterschiedlichen Nutzungen und Eingriffe zugunsten des Naturschutzes regeln. Hierzu gehören insbesondere die kommerzielle sowie die Sportfischerei, Extraktion von Öl, Gas, Sand und Kies, sowie die Schifffahrt. Auch wurden die Schutzgebiete in der gültigen Meeresraumordnung bisher nicht als Vorranggebiete für den Naturschutz ausgewiesen.

 

Unter dem Motto „Schutz den Schutzgebieten“ stellt der WWF in seinen Studien und Stellungnahmen dar, welche Maßnahmen vor allem in der Fischerei nötig sind, damit z.B. Riffe und Sandbänke von Schleppnetzen verschont bleiben, Schweinswale und Seevögel nicht in Stellnetzen ertrinken und der Sand- und Kiesabbau gestoppt wird.

 

Erst Ende 2017 hat die Bundesregierung Schutzgebietsverordnungen für die zehn Natura-2000-Gebiete in der AWZ von Nord- und Ostsee erlassen, um diese als sechs Naturschutzgebiete in nationalem Recht zu verankern und damit den ersten Schritt in Richtung Management vollzogen. Der WWF hält die Schutzgebietsverordnungen für ungenügend (siehe Stellungnahme der Verbände zum Entwurf der Verordnungen).

Auch für die Regulierung der kommerziellen Fischerei innerhalb der Schutzgebiete, geregelt durch die Gemeinsame EU-Fischereipolitik, hat Deutschland bislang Anfang 2019 nur Vorschläge für die Nordsee vorgelegt und an die EU übermittelt. Vorschläge für die Ostsee fehlen gänzlich. Der Vorschlag für die Gebiete Sylter Außenriff, Östliche Deutsche Bucht, Borkum Riffgrund und Doggerbank enthält sieben Fischereimaßnahmen, von Schließungen für Bodenschleppnetze bis zu Regulierungen der Stellnetzfischerei zur Minderung des Beifangs von Seevögeln und Schweinswalen. In einem nächsten Schritt muss die EU-Kommission nun über die Vorschläge entscheiden und als Maßnahmen erlassen. Bereits in den Entwürfen hierzu hat der WWF deutlichen Verbesserungsbedarf erkannt.

Defizite auch im Küstenmeer der Bundesländer

Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen haben die weitaus größten Teile ihrer Nordseeküste, das Wattenmeer, als Nationalparks geschützt. Dies ist ein sehr großer Fortschritt für den Schutz dieser einmaligen Küste, den der WWF sehr hoch bewertet. Jedoch sind, auch Jahrzehnte nach der Ausweisung als Nationalparks, immer noch schwerwiegende Defizite in diesen Schutzgebieten nicht gelöst. Beispiele hierfür sind die vielfach noch ungeregelte Fischerei innerhalb der Nationalparks, die Ölförderung auf der Mittelplate in Schleswig-Holstein oder die Verbauung und Vertiefung der Zuflüsse bzw. Flussmündungen.

 

Ganz besonders sind die Nationalparks vom Klimawandel bedroht, der sie aufgrund des beschleunigt steigenden Meeresspiegels zerstören könnte. In den Meeresschutzgebieten der Ostsee von Schleswig-Holstein ist die Fischerei unzureichend geregelt. Viele Meeresenten und Schweinswale verenden als Beifang in Stellnetzen. Leider erfolgen Maßnahmen nicht im gesetzlichen Rahmen der Küstenfischereiordnung, sondern nur im Rahmen einer freiwilligen und inhaltlich nur schwachen Vereinbarung.

Für die Ostsee von Mecklenburg-Vorpommern liegt zwar eine generelle Schutzgebietsverordnung zu den Natura 2000-Gebieten auf See vor, sie trifft jedoch keine Schutzmaßnahmen. Seit etwa 2016 arbeitet das Land an der Erstellung von Managementplänen. Bei den bereits gültigen Plänen beschränken sich die Maßnahmen darauf, dass keine Veränderungen von Strömungen, Sedimenteintrag oder Bebauungen erlaubt sein sollen. Maßnahmen, die bestehende schädliche Nutzungen einschränken, sucht man vergeblich, bzw. werden bestenfalls als „wünschenswerte Maßnahmen“ aufgeführt. 

Was fordert der WWF?

Im Durchschnitt müssen mindestens 50 Prozent der Fläche der Schutzgebiete frei von menschlichen Nutzungen sein:  

 

  • keine Fischerei
  • keine Öl- und Gasförderung im Meer, die negativ auf die Gebiete wirken kann (Seismik, Förderung, Transport)
  • wo nötig Beschränkung von Schifffahrt in solchen Schutzgebieten, wenn Tiere beeinträchtigt werden können (mausernde Vögel, während der Winterrast)
  • Errichtung von Windparks weiterhin nur außerhalb der Schutzgebiete, in naturverträglicher Weise

 

Wenn es um die Umsetzung vor Ort geht, muss es nicht nur schlagkräftige Verwaltungen mit Kompetenzen geben, sondern auch eine Ausstattung, die ein Eingreifen und Monitoring erlaubt. Der WWF schlägt vor, auch im Offshore-Bereich einen Nationalpark zu schaffen und so bestehende Meeresschutzgebiete aufzuwerten.

WWF-Atlas der deutschen Meeresschutzgebiete

In unserem interaktiven Atlas finden Sie alle Meeresschutzgebiete Deutschlands, sowohl in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) als auch im Küstenmeer. Es ist dargestellt, welche Arten und Lebensräume jeweils geschützt werden sollen und welche menschlichen Aktivitäten und Bedrohungen auf sie einwirken. Zu jedem Gebiet haben wir Steckbriefe oder Verweise hinterlegt, denen Sie noch detailliertere Hintergrundfakten entnehmen können und erfahren, welche Schutzmaßnahmen der WWF vorschlägt.

Erfahre mehr über die deutschen Meeresschutzgebiete

Atlas Meeresschutzgebiete Deutschland

 

Unsere Meere sind voller Vielfalt.
Auf der Karte sind bereits einige WWF-Schutzvorschläge und Meeresschutzgebiete zu sehen. Wählen Sie verschiedene Themen aus und klicken Sie auf die Kartenelemente
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