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Stand: 09.10.2019

Interview mit Dr. Jörg Melzheimer, Gepardenforscher in Namibia

Dr. Jörg Melzheimer konnte seinen Traumberuf ergreifen und erlebt seither tatsächlich viele aufregende Momente im Feld. Doch mindestens ebenso wichtig zur Rettung der Geparde ist die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit lokalen Farmern.

Dr. Jörg Melzheimer mit Gepard © IZW WWF
"Jörg Melzheimer mit Gepard © IZW WWF"

WWF: Als Feldbiologe kommen Sie Geparden so nah wie sonst kaum jemand. Was fasziniert Sie an den Raubkatzen?

Dr. Jörg Melzheimer: Unter den großen afrikanischen Raubkatzen ist der Gepard mit Abstand die seltenste Art. Dabei sind es ästhetisch so schöne und evolutionär in vielerlei Hinsicht besondere Tiere. Warum hat der Gepard Eigenschaften wie seine Tagaktivität und konkurrenzlose Schnelligkeit entwickelt? Das und sein konfliktbeladener Lebensraum auf Farmland machen ihn zu einem interessanten Forschungsobjekt. 

Wie wird man denn Gepardenforscher?

Für mich ist das fast so etwas wie ein Lottogewinn. Denn natürlich ist es der Traum vieler Feldbiologen, einmal an so einer ikonischen Art zu arbeiten. Aber als junger Student hat man darauf kaum Aussichten. Ich hatte mich auf raum-zeitliche Habitatsanalysen spezialisiert. Also wo sind Tiere wann und warum. Genau darin liegt auch der Schlüssel zur Rettung der Geparde. Deshalb bin ich vor fast 15 Jahren zum Gepardenprojekt in Namibia gekommen. Ohne jemals vorher wissenschaftliche Berührungspunkte mit den Geparden an sich gehabt zu haben!

Namibia © IZW WWF
"Namibia"

Sie haben es eingangs schon angesprochen: Die wenigsten Geparde leben in Schutzgebieten. Wie sieht Ihr Forschungsgebiet in Namibia aus?

Namibia ist im Wesentlichen geprägt durch eine trockene Dornenbuschsavanne und der meiste Teil des Landes ist Farmland in Privatbesitz. Das sind endlose, für unsere Verhältnisse riesige Farmen, wo eine einzelne Farm durchaus halb so groß wie die Stadt Berlin sein kann. Rinder und andere Nutztiere laufen frei herum und teilen sich die Savanne mit einheimischen Wildtieren wie Antilopen aber eben auch Geparden. Hier lebt die größte und wichtigste Gepardenpopulation, die es überhaupt noch gibt – wahrscheinlich um die 2000 Tiere. 

Jagt der Gepard statt einer Antilope dann einmal ein Schaf, ist der Konflikt vorprogrammiert...

Ein absolut schwieriger Konflikt und zwar für beide Seiten! Denn es geht hier nicht um ein einzelnes Schaf. Manche Farmer verlieren 20 bis 30 Prozent ihrer Kälber an Geparde. Das bedroht das ganze Unternehmen. In Folge dessen bejagen einige von ihnen die Geparde gezielt und bedrohen ihre Population erheblich. Doch sie wissen sich oft einfach nicht anders zu helfen. Denn natürlich ist es nicht leicht, mit so einem großen Beutegreifer Tür an Tür zu leben und auf diesem Land Schafe, Ziegen oder Rinder zu halten.

Und wie lässt sich dieser Konflikt lösen? Wie kann man die Geparde in Namibia und damit die gesamte Art vor dem Aussterben retten?

Es ist nicht so, dass man durch die Savanne fährt und überall Geparde sieht. Der Gepard ist eine sehr seltene Art, die in ganz geringen natürlichen Dichten vorkommt. Doch es gibt Sammelpunkte, die interessanterweise sehr viele der wenigen Geparde anziehen, die es überhaupt gibt. Durch unsere Forschung können wir diese Stellen zuverlässig bestimmen. Da die Farmen zum Teil viele Quadratkilometer groß sind, können die Farmer gut ausweichen und die Herden woanders platzieren, die in das Beuteschema des Geparden passen.

Gepardengruppe © Martin Harvey WWF
"Gepardengruppe"

Aber tun die Farmer das auch? Wie reagieren sie auf das Artenschutzprojekt?

In meiner Wahrnehmung sind die Farmer ausgesprochen naturverbundene Menschen, sonst würden sie nicht in diesem kargen Land in der Einsamkeit mitten im Busch leben wollen. Aber ihr Unternehmen muss am Ende auch ökonomisch funktionieren. Wir Tierforscher und Artenschützer mussten erst auch ihre Seite verstehen lernen. Inzwischen hat sich über viele Jahre ein Vertrauensverhältnis entwickelt und die Farmer nehmen unsere Lösungen gerne an. Für die meisten Farmer ist es nun möglich, friedlich mit den Geparden Tür an Tür zu leben und das Schießen ist überflüssig geworden.

Ihre Arbeit in Namibia ist extrem vielfältig. Welches sind die schönsten Augenblicke?

Auf jeden Fall der Moment, wenn es einem tatsächlich gelingt, einen Geparden zu fangen und zu besendern. Denn das sind so seltene und scheue Tiere mit unglaublich schnellen Reflexen. Wir konnten bisher über 300 Geparde besendern und haben damit einen für Großkatzen weltweit einzigartigen Stichprobensatz! Es macht total Spaß, mit so großen Datenmengen zu arbeiten. Aber auch die Zusammenarbeit mit den Farmern ist bereichernd: Dass man beide Welten mitdenken muss aber eben auch mitdenken kann. So konnten wir die Zahl der Geparde, die jährlich von Farmern geschossen werden, um etwa 80 bis 90 Prozent reduzieren!

Was muss jetzt noch passieren, um die Geparde zu retten?

Bisher arbeiten wir in einer Modellgegend etwa von der Größe Niedersachsens. Wir nennen das auch unser „Real-Labor“. Namibia ist aber deutlich größer und wir wollen und müssen unsere tollen Ergebnisse auch auf die anderen Landesteile ausweiten. Das macht weiterhin viel Forschung nötig. Und mindestens ebenso viel Kommunikation und Überzeugungsarbeit.

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