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Phu Quoc Vermüllung © Getty Images

Rettung für das verlorene Paradies – eine deutsche Forscherin will Phu Quocs Vermüllung stoppen

Vietnam hat ein gigantisches Müllproblem. Dramatisch sichtbar ist es auf der einstigen Trauminsel Phu Quoc. Heide Kerber will herausfinden, was die Ursachen für die Plastikverschmutzung dort sind, wie das Problem wahrgenommen wird und welche Lösungsansätze es gibt. Aktuell schreibt sie darüber ihre Doktorarbeit: „Governance von Meeresmüll: eine multiskalare Betrachtung“. Heide Kerber gehört zur Nachwuchsgruppe PlastX. Sie forscht zu Plastik in der Umwelt am ISOE-Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main, einem der führenden unabhängigen Institute der Nachhaltigkeitsforschung.

Was war Ihr Eindruck bei Ihrem ersten Besuch auf Phu Quoc 2017?

Heide Kerber - Wissenschaftliche Mitarbeiterin am ISOE © Heide Kerber
Heide Kerber - Wissenschaftliche Mitarbeiterin am ISOE © Heide Kerber

Ich war überrascht und auch schockiert. Überall sind Baustellen, neue Hotels und viel, viel Müll. Am Straßenrand, am Hafen, auf freien Flächen, an den Stränden und Flüssen – der Müll ist überall. Auf Anregung des WWF habe ich Phu Quoc wegen des Abfallproblems für meine Forschung gewählt. Aber dass es schon auf der Fahrt vom Flughafen in die Inselhauptstadt Duong Dong so sichtbar wird, hätte ich nicht erwartet. Vom einstigen Urlaubsparadies ist nur noch wenig zu erkennen.

Wie sehr berührt Sie das persönlich?

Als Umweltforscherin berührt mich der verschwenderische Umgang mit endlichen Ressourcen, und dass die Umwelt so leichtfertig verschmutzt wird, sehr. Während meines erstens Aufenthalts war ich hin und her gerissen: Zwischen der Forscherin, die das Problem verstehen und Lösungen entwickeln will und der Umweltschützerin, der das Herz blutet bei all dem Müll.

Was für Müll ist das genau, der da überall in der Natur herumliegt?

Es ist vor allem Haushaltsmüll. Also Plastikverpackungen, Tüten, Becher und organischer Abfall.

Wie dramatisch ist die Situation an den Stränden?

Schlimm sehen vor allem die kleinen, touristenfernen Strände aus. Denn hier räumt niemand auf und so ist an manchen Stränden vom Sand fast nichts mehr zu sehen. Tüten, Becher, Schnüre, Netze von Fischern landen neben Holz und Algen an den Stränden. Aber auch die beliebten Touristenstrände sind nicht frei von Müll. Plastikbecher, gerne auch Kokosnussschalen und Treibgut liegen bunt verteilt im Sand. Das ist so gar nicht das Postkartenmotiv.

Und im Meer? Schwimmt und schnorchelt man neben zerfetzten Plastiktüten?

Das kann durchaus passieren. Je nach Wetter und Strömung kann so einiges an Müll neben einem auftauchen. Die Hotel- und Ressortbetreiber, Restaurantbesitzer und Anbieter von Strandaktivitäten, z.B. Jetski-Verleiher, haben deshalb Beach-Cleaner angestellt, die jeden Tag den Müll von den Stränden sammeln. Einige Ressorts haben zusätzlich Netze im Meer gespannt, um Plastikmüll und Treibgut von den Badegästen fernzuhalten.

Phu Quoc: Vermüllung statt Strandidyll © Getty Images
Phu Quoc Vermüllung © Getty Images

Warum wird der Müll nicht besser entsorgt?

Die tägliche Abfallmenge auf Phu Quoc hat sich seit 2005 verdreifacht. Die rudimentäre Abfallinfrastruktur der Insel kann da nicht Schritt halten. Und die Abfallberge werden auch in Zukunft rasant weiterwachsen. Denn der Tourismus boomt, die Zuwanderung an Arbeitskräften vom Festland auch. Und Touristen und Einheimische konsumieren viel zu viel Einwegplastik.

Gibt es keine Deponien oder Müllverbrennungsanlagen?

Es gibt zwei offene, ungesicherte Deponien. Was die öffentliche Müllabfuhr einsammelt, landet größtenteils dort. Aber der Müll wird hier nur gelagert, nicht behandelt. Regen und Wind haben daher leichtes Spiel und sorgen dafür, dass der Müll sich über die Insel verteilt. Außerdem fährt die Müllabfuhr längst nicht alle Orte der Insel an. Deshalb verbrennen oder vergraben viele Menschen ihren Müll. Es gibt also viele Wege, wie der Abfall in die Umwelt und ins Meer gelangt. Zu meiner Forschungsarbeit gehört es auch, diese Wege sichtbarer zu machen und Lösungen zu suchen, wie Müll-Einträge über diese Pfade minimiert werden können. Klar ist: Es fehlt eine flächendeckende Müll-Sammlung und eine umwelt- bzw. ressourcenschonende Abfallverwertung. Also fachgerechtes Kompostieren, Verbrennen oder Recyceln.

Wer ist schuld daran, dass Phu Quoc immer weiter im Müll versinkt?

Müll am Wegrand © Heide Kerber
Müll am Wegrand © Heide Kerber

Die „Schuldfrage“ zu stellen, ist nicht angemessen. Vielmehr muss es darum gehen, die einzelnen Ursachen in den Blick zu nehmen. Hier gibt es ganz unterschiedliche Faktoren. Natürlich ist das viele Einwegplastik ein Riesenproblem. Es wird aber vor allem deswegen sichtbar, weil es auf der Insel, anders als z.B. in Deutschland, keine adäquate Abfallinfrastruktur gibt. Der Tourismus in Verbindung mit der unzureichenden Abfallinfrastruktur ist eine der Hauptursachen des Problems, soviel steht jetzt schon fest. Denn auf Phu Quoc leben ca. 101.000 Einwohner. Dafür kamen 2017 ca. zwei Millionen Touristen.

Touristen bringen viel Geld und hinterlassen viel Müll - der wiederum vertreibt die Touristen. Was tun die Hotelbesitzer, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen?

Es gibt bereits einige Hotels, die bewusst auf mehr Umweltschutz setzen. Das bedeutet weniger Plastikverbrauch, z.B. Getränkeflaschen aus Glas zum Nachfüllen, Strohhalme aus Bambus – die werden vor Ort produziert - oder Seife in Seifenspendern. Und sie reinigen ihr Abwasser. Denn leider wird Abwasser auf Phu Quoc vielfach ungeklärt ins Meer eingeleitet oder versickert im Boden.

Wie groß ist das Problembewusstsein der Einheimischen?

Bisher leider noch sehr gering, das zeigen viele meiner Interviews. Solange das fehlt und keine persönlichen Konsequenzen zu spüren sind, bleiben die Alltagsroutinen bestehen.

 

Und die Politik – was tut die?

Die lokalen Politiker haben das Müllproblem erkannt. Sie starten bewusstseinsbildende Kampagnen. Müll ist jetzt auch Thema in den Schulen. Auch eine Tourismussteuer oder ein Plastiktütenverbot werden diskutiert. Die Gruppe „Vietnam clean and green“, bei der sich auch viele Restaurant- und Hotelbetreiber engagieren, organisiert medienwirksame Clean-up-Events. Dadurch wird auch die lokale Bevölkerung sensibilisiert. Aber Bewusstsein allein hilft nicht. Wichtig ist, dass parallel eine funktionierende Abfallinfrastruktur aufgebaut wird und es außerdem attraktiv wird, weniger Plastik zu benutzen. Also z.B. mehr „Refill“-Angebote, Mehrweg- statt Einweg-to-go-Becher.

Und damit könnte Phu Quoc langfristig und nachhaltig vom Müllproblem befreit werden?

 Der Tourismus entfaltet eine unglaubliche Dynamik auf der Insel. Zum einen trägt der Boom zu einem rasanten Anstieg der Abfallmenge bei, zum anderen wollen Politik und Tourismusindustrie die Touristen nicht verlieren. Das Abfallproblem lässt sich nur in den Griff bekommen, wenn unterschiedliche Maßnahmen ineinandergreifen. Phu Quoc braucht eine aufeinander abgestimmte Umsetzung von Lösungen aus den Bereichen Technologie, Bewusstseinsbildung und Regulierung. Es gibt bereits eine Reihe von Handlungsempfehlungen auf globaler Ebene, z.B. der Vereinten Nationen, die hierfür gute Anknüpfungspunkte bieten. Wie sich diese lokal angepasst umsetzen lassen, untersuche ich in meiner Forschung.

Phu Quoc: Vermüllung am Touristenstrand © Getty Images
Phu Quoc: Vermüllung am Touristenstrand © Getty Images

Wie wichtig ist bei dieser komplexen Problemlage die Unterstützung des WWF?

Sehr wichtig. Der WWF lanciert Themen und hält sie aktiv nach. Und vermittelt über seine Projekte Wissen, schafft Strukturen zum Austausch und setzt Maßnahmen um. Das ist wichtig, denn häufig fehlt es nicht nur am Willen, sondern auch an Geld, Personal, Wissen und Engagement ein Thema anzugehen.

Was ist die genaue Rolle des WWF in Ihrem Forschungsprojekt?

Der WWF ist ein wichtiger Kooperationspartner für die Feldforschung auf Phu Quoc. Beide Seiten gewinnen dabei: Meeresmüll ist ein wichtiges Thema für den WWF. Die Kooperation mit der Forschung führt zu wichtigen Informationen und Impulsen für die Arbeit des WWF, etwa über Interviews, Fotodokumentationen, Beobachtungen, die ich systematisch erfasse und auswerte. Gleichzeitig unterstützt mich der WWF bei meiner Forschung organisatorisch und inhaltlich z.B. bei gemeinsamen Workshops. Und er öffnet mir Türen zu wichtigen Gesprächspartnern.

Warum eignet sich gerade das ISOE-Institut für sozial-ökologische Forschung als Partner für den WWF?

Wir betreiben nicht nur Grundlagenforschung, sondern forschen immer auch anwendungsorientiert in den Bereichen Wasser, Biodiversität, Klima und Mobilität. Um gute Lösungen erarbeiten zu können, ist es wichtig, die Erkenntnisse verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen sowie die Erfahrungen und das Wissen von Praxispartnern in die Forschung einzubeziehen. So tragen wir dazu bei, dass Lösungskonzepte in der Praxis besser angenommen und umgesetzt werden. „Plastik in der Umwelt“ ist ein weiteres aktuelles Thema unserer Forschung. Hier untersuchen wir die gesellschaftliche Rolle von Plastik und damit verbundene Umweltauswirkungen. Auch unsere Nachwuchsgruppe PlastX arbeitet eng mit Partnern aus der Praxis, wie dem WWF, zusammen, um integrative Lösungsstrategien für einen nachhaltigeren Umgang mit Plastik zu entwickeln.

Ihre Vision: Wie wird Phu Quoc im Jahr 2050 aussehen – im schlimmsten Fall?

Eine 600 Quadratkilometer große Insel, zugepflastert mit Hotels, Restaurants, Vergnügungsparks und Straßen. Wenig Grün, viel Grau, viel Schmutz.

Und im besten Fall?

Ein grünes Urlaubsparadies, das bewusst auf weniger Tourismus und dafür viel Natur setzt.

Ozeanretter werden © WWF

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Stopp die Plastikflut - Riffreinigung © James Morgan / WWF

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Aufklärungsarbeit Vietnam © Thomas Cristofoletti / WWF US

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Stopp die Plastikflut - Strandsäuberung © GettyImages

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